Grafik zu Onlineausgaben

Gekaufter Journalismus und der FDP-Effekt

Für Journalismus im Netz wird mehr Geld ausgegeben. Das wäre doch mal eine gute Nachricht. Ist aber keine. Denn was die „Studie“ der Bitkom über das Bezahlen für online-Presse bietet, ist das Geld nicht wert, das sie gekostet hat. Nicht einmal kostenlos.

Immer mehr Nutzer geben Geld für Journalismus im Netz aus.

so lautet die Überschrift der Pressemeldung.

Nach näherer Beschäftigung mit der Umfrage (für einen Beitrag für das Medienmagazin Töne-Texte-Bilder des WDR) kommen mir doch so einige Zweifel zur Aussagekraft. Es fängt schon bei der Methodik an. Mehr als 1.000 Internetnutzer seien befragt worden, heißt es am Ende der Studie, die keine ist, sondern eine Pressemitteilung. Mehr gibt es auch nicht. Ein kurzer Text, eine Grafik. Auf meine Bitte, die gesamte Studie zu erhalten oder wenigstens die Fragen, kommt die Antwort: Geht nicht, das seien viel zu viele Fragen, zu komplex, heißt es von der Bitkom. Denn tatsächlich seien die Fragen zum Journalismus nur ein Ausschnitt aus einem deutlich größeren Katalog mit etwa 25 Fragen zu „Kommunikationsthemen“, so die Pressestelle. Es gibt keine Studie und es ist offensichtlich auch nicht geplant, eine zu veröffentlichen. Es gibt nur Ausschnitte einer Umfrage.

Eine Frage der Methode

Im gerade mal 3-zeiligen Abschnitt Methodik ist davon keine Rede. Nicht einmal davon, dass es eine Telefonumfrage war. Oder dass diese bereits vor einem viertel Jahr stattgefunden hat.

Eine Telefonumfrage, um die Bezahlbereitschaft für Online-Journalismus abzufragen? Das kommt mir methodisch dann doch komisch vor. Man hätte ebenso gut auf die Idee kommen können, den Fragebogen in die Zeitung zu setzen. Da wäre man vermutlich genauso nahe am Zielpublikum gewesen. Denn Telefonumfragen sparen systematisch große Teile der Bevölkerung aus: insbesondere junge Menschen und sozial schwache Gruppen, die oft nur mit Pre-Paid Handys telefonisch an die Welt angeschlossen sind.

Der FDP-Effekt in Umfragen

Auch beim Kern der Umfrage, bei der Zahlungsbereitschaft, ist die Aussage der Umfrage nicht ganz ehrlich: „Im Schnitt geben sie pro Monat 15,10 Euro für entsprechende Inhalte aus, nach 13,60 Euro im Jahr zuvor“ heißt es dort. Diese präzise erscheinenden Werte aus der Pressemitteilung will der Sprecher des „Branchenverbands“ im Interview nicht wiederholen. Warum nicht? Darauf gibt es keine klare Antwort. Mit ein wenig Nachdenken erschließt sich dies schnell: Es gibt sie nicht. Denn es wurde offenbar gar nicht danach gefragt. Am Telefon sollten die Befragten sich lediglich innerhalb einer Bandbreite einordnen wie viel sie ausgegeben hatten. Besser gesagt: Wie viel sie meinen, ausgegeben zu haben, denn wer weiß denn schon auswendig, wenn er am Telefon von einer Umfrage überrascht wird, wie viel Geld er in den letzten 12 Monaten jeweils online ausgegeben hat. Zudem ist die Angabe ja unverbindlich und niemand prüft sie. Da kommt dann noch der FDP-Effekt hinzu: So wie in der politischen Sonntagsfrage nur wenige offen zugeben, die Partei wählen zu wollen und es im Geheimen im Wahllokal regelmäßig dann doch viel mehr tun, so dürfte es auch bei dieser Art von Umfrage sein. Es gilt weiterhin in vielen Schichten als gesellschaftlich gewünscht, sich mit seriösen Informationen zu versorgen und da könnte es einen Reflex geben, sich bei der Frage nach der Zahlungsbereitschaft für Online-Journalismus in einer höheren Klasse einzuschätzen.

Am Ende wurde die Aussage „im Schnitt geben sie 15 Euro 10 pro Monat für Online-Journalismus aus“ einfach aus den Häufigkeiten der eigenen Einstufung in die vorgegebenen Bandbreiten berechnet. Aus meiner Sicht ist das methodisch fragwürdig. Unseriös wird es dann, wenn man diese völlig fiktive, aber exakt erscheinende Zahl dann mit einer ähnlich ermittelten Zahl aus dem Vorjahr vergleicht. Kein Wunder also, dass der Sprecher dies im Interview nicht wiederholen wollte.

Gute Nachricht?
ein Drittel gibt Geld für Journalismus aus

Spätestens bei der Aussage der Studie, dass ein Drittel der Deutschen bereit ist im Netz Geld auszugeben, haben mich aber Zweifel gepackt. Denn ich las diese Zahlen just nachdem ich selbst auf der Straße war, und dort eine eigene Umfrage gemacht habe. Meine war mit gut 20 Befragten in der Fußgängerzone von Gelsenkirchen sicher nicht so repräsentativ, wie es die Bitkom von ihrer behauptet. Nur: mir gegenüber hat gerade mal jeder 5. eingeräumt, überhaupt jemals für ein Presse-Produkt im Internet Geld ausgegeben zu haben. Fast alle nur gelegentlich und dann auch nur für wenige Cent oder ein paar Euro. Keine 15 pro Monat jedenfalls. Und nicht jeder Dritte.

Bei der Bitkom läßt sich herauslesen, dass 73%, also Drei-Viertel ihr Geld für einzelne Abrufe von bestimmten Artikeln oder für thematische eingeschränkte Abos (also keine Tageszeitungsabos) ausgeben (100% – 27% mit Mehrthemen-Abo). Außerdem kaufen von den Zahlungsbereiten gut 59% einzelne Artikel (100% Gesamt /34% Zahlende * 20% Einzelzahler).

Wo ist dann das Problem für die Verleger?

Ich vermute allerdings, dass die Branche NICHT schon gerettet ist und die Zahlungsbereitschaft der Internetnutzer in der Studie, die keine ist, überbewertet wird. Aber scheinbar werden solche Zahlen und Schein-Studien zu selten hinterfragt. Selbst die Akademie Berufliche Bildung der deutschen Zeitungsverlage (ABZV) hat diese Zahlen und sogar die meisten Aussagen von der Bitkom übernommen (Blogbeitrag 12.1.15). So verbreitet sich dann der FDP-Effekt auch im verkauften Journalismus!

Meine individuelle Zahlungsbereitschaft für solche Studien ist jedoch eher gering.

 

 

 

 

Link zu Beitragsbild: Urheberrechte beim Digitalverband BITKOM:
http://www.bitkom.org/files/images/150107_journalistische_Angebote__im_Netz(1).jpg

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