Keyless System im Suzuki © Schumedia, Andrea Schumann

Keyless entry: Komfort für Autobesitzer oder für Diebe?

Einfach Tür öffnen und das Auto per Knopfdruck starten. Moderne Funk-Autoschlüssel braucht man gar nicht mehr aus der Tasche ziehen. Nicht mal ein Knopfdruck ist notwendig. Sicherheit wie von Geisterhand, versprechen die Autohersteller bei diesen Komfortschlüsseln. Alle Hersteller bieten sie gegen Aufpreis an.
Doch offenbar bieten diese Schlüssel mit ihrem eingebauten Nahfeldfunk auch für Diebe viel Komfort. Sie können Autos ohne jede Gewalt stehlen. Zudem innerhalb von Sekunden. Am Tatort bleiben keine Hinweise auf den Diebstahl.
Erstmals hat jetzt die Polizei in Hessen dafür Daten geliefert. 40 Autos wurden so im ersten Halbjahr 2015 in nur einem Landkreis gestohlen. Die Diebes-Technik dafür läßt sich bei Ebay fertig bestellen.
Dabei ist die Methode mehr als 5 Jahre bekannt. 2011 veröffentlichten Forscher an der ETH Zürich das gesamte Verfahren in einer wissenschaftlichen Studie. Forscher Boris Danev:

Die Industrie wusste über die Schwäche, aber es war überraschend, dass man so einfach das System knacken kann.

Bei dieser Relay Attacke auf sogenannte Keyless-Systeme werden die Funksignale einfach verlängert, die normalerweise nur auf sehr kurzer Strecke von wenigen Zentimetern zwischen Schlüssel und Auto ausgetauscht werden. Der Clou dabei: Dazu muß kein Verschlüsselungsverfahren überlistet werden, da in die Datenübermittlung gar nicht eingegriffen wird.

Im ersten Versuchsaufbau wurden die Funkdaten des Autos an den Schlüssel und vor dort zurück mit zwei Funkgeräten gesendet, die ihre Daten per Kabel austauschten. Inzwischen ist das System weiter entwickelt und sendet die Schlüsseldaten per Funk zwischen zwei Geräten hin und her.

Während sich das eine Funk-System sehr nah am Auto-Türgriff befinden muss, kann das zweite Gerät eine Entfernung zum Schlüssel von etwa 30 Metern überbrücken. In einzelnen Testszenarien konnten sogar Entfernungen bis 100 Meter überbrückt werden. Somit kann eine Verbindung zu einem im Wohnhaus abgelegten Schlüssel sogar durch verschlossene Türen oder Fenster aufgebaut werden, während ein zweiter Täter auf dem Parkplatz das Auto öffnet. Was 2011 an der Hochschule Zürich noch experimentell war, ist inzwischen Stand der Technik, sagt Forscher Boris Danev:

Man kann einen Verstärker entwickeln, ich hab schon das Gerät an der ETH, es wird weniger als 100 Euro kosten.

Mindestens 4 verschiedene Geräte zum übermitteln der Daten sind bereits per Internet bestellbar. Technisch müssen die Funkgeräte in der Lage sein, die Daten ohne große Zeitverzögerung zu übermitteln. Eine weitere Prüfung, ob sich der Schlüssel in der Nähe des Autos befindet, ist mit den seit Jahren von allen Herstellern unverändert verbauten Türschließsystemen nicht möglich. Lothar Hagemann betreibt die  Sicherheitsfirma „Bundpol“ in Berlin. Er sagt, die Sicherheitslücke wird längst aktiv von Dieben ausgenutzt.

Es gibt halt auch Personen und Firmen, die das an jedermann verkaufen. Und damit können sie dann auf Diebestour gehen. Und es werden vor allem die hochpreisigen Autos gestohlen.

Wer das Auto mit der Relay-Attacke geöffnet und gestartet hat, kann danach auch ohne Kontakt zu dem Originalschlüssel so lange fahren, bis der Motor abgestellt wird. Diebe tauschen dann später das Schließsystem aus, programmieren die Bordelektronik um oder verkaufen die Autos in Einzelteilen.
Autobesitzer können sich gegen diesen raffinierten Angriff auf ihren Funk-Schlüssel kaum wehren, sagt der Bochumer Sicherheitsexperte Timo Kasper.

man nimmt die Batterie raus. Die modernen Schlüssel haben dann einen Notbetriebsmodus, der nur auf kleine Reichweite funktioniert und die praktischen Relay-Attacken funktionieren dann nicht mehr.

Auch das Einwickeln in Alufolie oder eine Blechdose gelten als Schutz. Doch der Bochumer Versicherungsmakler Detlef Schuhmann (Link zu Steadynews) hat das mit einer Keksdose vergeblich getestet. Sie schirmte den Datenaustausch vom Schlüssel nicht ab.  Zudem bedeuten alle Abwehrmaßnahmen einen erheblichen Komfortverlust für die Autobesitzer.
Die Studie der ETH Zürich von 2011 als PDF (externer Link)

Mein Radiobeitrag dazu am 11.8.2015 in WDR5 Leonardo.

 

Vielen Dank für die freundliche Überlassung des Titelfotos von Schumedia Bochum, Andrea Schumann. Alle Rechte dort.

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