Vergangenheit hört nicht auf: Flüchtlinge

Der Satz: „Vergangenheit hört nicht auf, sie überprüft uns in der Gegenwart“ stammt von Siegfried Lenz. Er steht am Anfang eines Hefts über Vertriebene.

Für den folgenden Blogpost hätte ich mich noch vor ein paar Wochen dem Verdacht des Revanchismus ausgesetzt. Die Flüchtlingsdebatte ändert jedoch vieles. Auf einmal guckt man auf das Thema Vertriebene und Weltkriegsflüchtlinge mit einem ganz anderen Blick. Meine Generation der Babyboomer wollte davon doch gar nichts mehr wissen. Wir sind Erika Steinbach-Geschädigte.

Unter den aktuellen politischen Ereignissen, dem Zustrom hunderttausender Flüchtlinge, klingen die folgenden Zitate aber wieder sehr berührend und geben der deutschen Geschichte eine neue Aufmerksamkeit.

Nach langem Transport aus der Heimat, fast immer im Güterwagen der „Reichsbahn“, ging es in ein Auffanglager, z.B. nach Wipperfürth, wo man registriert, untersucht und „entlaust“ wurde.

Meldezettel Wipperfürth
Meldezettel für Flüchtlinge Durchgangslager Wipperfürth

Wipperfürth, ein Örtchen an der Wupper im Bergischen, war das, was wir heute Erstaufnahmelager nennen würden. Wer dort eintraf, hatte die Hölle des Krieges hinter sich gelassen. Wer von dort nach wenigen Tagen weiter musste, hatte die Hölle des Nachkrieges noch vor sich. So mein Eindruck, nachdem ich die Zeilen von Friedrich Stoll gelesen habe. Er nennt sich Ostvertriebener, war über Wipperfürth nach Erkelenz gekommen. Er schildert, wie die Flüchtlinge dort aufgenommen wurden.

„Kein Willkommen, keine offene Tür. Nach naßkalten Tagen in leeren Viehwagen, ohne jegliches Stroh und ohne jedes warme Essen, wanderten wir, Kinder, Säuglinge, Mütter, Greise, von Tür zu Tür.“

Evangelisches Hilfswerk - Flüchtlingslager Flüchtlingslager für Ostvertriebene in Baracken des ehemaligen RAD in Wipperfürth Hans Lachmann, Archiv der EKiR
Evangelisches Hilfswerk – Flüchtlingslager
Flüchtlingslager für Ostvertriebene in Baracken des ehemaligen RAD in Wipperfürth
Bild: Hans Lachmann, Archiv der EKiR

Es war eine größere Gruppe von Flüchtlingen in den Kreis Erkelenz zugewiesen worden. Bei den Menschen die dort leben, gibt es große Vorbehalte diese Neuen aufzunehmen. Jahrelang wurden sie schickaniert und ihre Arbeitskraft ausgebeutet, schreibt Stoll in einem Bericht für die „Interessengemeinschaft der Ostvertriebenen“.

„Wie beschämend waren diese Gänge von Haus zu Haus, diese mitleidslose Beurteilung.“

So gestrig diese Worte noch vor kurzem klangen, so aktuell sind sie Mitte des Jahres 2015 – 70 Jahre später.

Im Vorwort schreibt Heftautor Haude (s.u.)  noch einen sehr aktuellen Satz:

Da ein Rückblick in die Geschichte immer Anlass sein kann, unser heutiges Leben daran zu messen und vielleicht sogar neu zu ordnen, ist es sicher gut, an die Umstände der „Zuwanderung“ so vieler neuer Bürger (..) zu erinnern.

Mein Pageflow über Fremdlinge
Mein multimedialer Pageflow bei Story.Fremdling.eu

Aus dieser Geschichte und mit vielen anderen Geschichten über Flucht, Vertreibung und Aussiedeln habe ich eine multimediale Story erzählt. Im Vordergrund steht dabei: Was sagt die Bibel über Flucht. Vieles: „Ihr seid auch Fremdlinge“ ist der Kernsatz, der aus dem 2. Buch Mose stammt und die Geschichte der Flucht aus Israel erzählt. Zu finden ist die Multimedia-Story im Format Pageflow unter Story.Fremdling.eu


Hier habe ich einen Hintergrund zu Ursachen von Flucht (Afrika, Tansania) geschrieben.

Hintergrund:

Das Titelbild  zeigt das Flüchtlingslager für Ostvertriebene in Baracken des ehemaligen RAD in Wipperfürth.
Bildrechte:  Archiv der Ev. Kirche im Rheinland / Hans Lachmann
Mehr dazu ab Mitte September unter www.fremdling.ekir.de

Abbildung des Aufnahmescheins und Textzitate aus: „Vertriebene in Wegberg“ von Hans Joachim Haude, Verlag: artkonzeptkörner, 2009, ISBN 978-3-00-032103-0.

Auszug aus Wikipedia zu Wipperfürth:

„Mit der Errichtung von fünf hölzernen Baracken am Wipperfürther Rangierbahnhof wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ein Durchgangslager für Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten eingerichtet. Im Jahr 1946 trafen täglich etwa 1000 bis 1800 Flüchtlinge ein. Die Planungen der Behörden sahen einen Aufenthalt von maximal 24 Stunden je Person vor und deshalb hatte man in Bezug auf Heizung, sanitären Anlagen und Beleuchtung nur eine einfache Ausstattung vorgesehen. Durch den immensen Ansturm von Flüchtlingen kam es jedoch zu monatelangen Aufenthaltszeiten.“

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