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sich naiv machen: Wissenschaftsjournalismus

Die Gründer von Perspective Daily aus Münster touren zur Zeit durchs Land. Sie wollen positiven Wissenschaftsjournalismus machen. Die Artikel sollen überwiegend von Autoren geschrieben werden, die ein Studium der jeweils maßgeblichen Fachgebiete absolviert haben.

Der frühere TV-Moderator des WDR und langjährige Vorsitzender der Wissenschaftspressekonferenz, Jean Pütz, war nach Bochum zur Vorstellung von PD gekommen und kritisierte: „Der Fachmann kann sich nie so einfach ausdrücken, dass es richtig ankommt. Man muss sich auch ’naivisieren‘ können.“ Das finde ich einen guten Ansatz.

Ich bin zuletzt mehrfach gefragt worden, warum ich Wissenschaftsjournalismus mache – zudem auch in Fachgebieten, die ich nicht studiert habe. Also warum überlassen es Journalisten nicht den Fachleuten über Wissenschaft zu informieren. Meine Antwort:

Wissenschaft ist die Basis der Fortentwicklung von Wohlstand, Gesundheit und Nachhaltigkeit in der modernen Gesellschaft. Die Vielfalt der Methoden, Meinungen und Erkenntnisse hat sich als ein Turbobeschleuniger der Entwick­lung herausgestellt. Gerade meine Generation der Babyboomer spürt dies beispiels­weise durch die Entwicklungen der Informations- und Kommunikations­technologie sehr unmittelbar. Ich bin geboren, als sich das Farbfernsehen gerade entwickelte, das zweite deutsche Fernsehprogramm gestartet war und wir anfangs nicht einmal einen Fernsehapparat zu Hause hatten.

neue Formen der Masseninformation

Jetzt mit erlebe ich, wie diese Errungenschaft der Medienkultur in der Generation meiner Kinder ihre Bedeutung verloren hat. Es haben sich ganz neue Formen der Masseninformationen durch die scheinbar unendliche Miniaturisie­rung von Schaltkreisen, größere Speicherfähigkeit von Strom und schnellere Übermittlung von Daten herausgebildet. Gleichzeitig wissen wir, dass es nur ein Zwischenschritt zu erneut komplett neuen Technologien ist, die wir uns in der konkreten Ausgestaltung noch gar nicht vorstellen können, aber die ich in meiner zu erwartenden Lebenszeit trotzdem noch miterleben kann.

Wissenschaftsjournalismus: alle mitnehmen

Darin steckt aber auch die Gefahr aller rasanten Technologieentwicklungen: Wir müssen aufpassen, dass wir alle Menschen mitnehmen. Dass nicht ältere, mobil eingeschränkte, kranke oder schlecht gebildete oder sozial schwächere Menschen von diesen Technologien abgehängt werden. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht andere Disparitäten zum Beispiel zwischen der Informations­wahrnehmung verschiedener sozialer Gruppen oder Altersklassen bekommen. Bisher ist wissenschaftlicher Fortschritt mit demokratischem Fortschritt, gleich­verteiltem Volkswohlstand und Volksgesundheit einher gegangen.

notwendig: allseits gebildete Journalisten

Damit dies so bleibt und nicht einzelne Gruppen abgehängt werden, ist kennt­nis­reicher, deskriptiver und auch investigativer Wissenschafts­journalismus wichtig. Damit Wissenschaft von jedermann verstanden wird, ist es auch wichtig, dass umfassend wirtschaftlich, politisch, sozialwissenschaftlich und ethisch gebildete Journalisten berichtend in Sachgebiete vorstoßen, in denen sie nicht als Fachleute ausgebildet sind und zudem sich gesunden Menschen­verstand und Neugierde bewahrt haben.

Rückkanal für die Wissen­schaft

Und es gibt kein Naturgesetz, nachdem Wissenschaft nur Gutes bewirkt. Wir sind in vielen Wissensbereichen bei Möglichkeiten angekommen, wo sich weitere Erkenntnisse gegen das Gemeinwohl richten könnten. Ob es die genetische Selektion von ungeborenem Leben nach Geschlecht oder Krankheit ist, die Erschaffung von Klonen, die Entwicklung von schrecklichen Waffen oder von künstlicher Intelligenz, die sich gegen Menschen richten könnte. Darüber, aber auch über scheinbar weniger bedeutende Missstände, müssen Journa­listen engagiert berichten und aufklären. Letztlich sind sie damit nicht nur Kontrollorgan sondern auch ein sehr wesentlicher Rückkanal für die Wissen­schaft, damit sich diese in der Gesellschaft orientieren kann. Denn auch die Wissenschaften sind nichts Absolutes, sie sind Teil der Gesellschaft und bekommen von ihr letztlich die Aufträge, Mittel, Objekte, Maßstäbe für Erfolge und eine Rückbestätigung.

Ein Gedanke zu „sich naiv machen: Wissenschaftsjournalismus“

  1. „Darüber, aber auch über scheinbar weniger bedeutende Missstände, müssen Journa­listen engagiert berichten und aufklären. Letztlich sind sie damit nicht nur Kontrollorgan sondern auch ein sehr wesentlicher Rückkanal für die Wissen­schaft, damit sich diese in der Gesellschaft orientieren kann.“
    –> sehr schöne Forderung!

    Kleine Korrektur allerdings: Perspective Daily macht weder positiven noch Wissenschaftsjournalismus!
    Es geht allgemein um konstruktiven, lösungsorientierten Journalismus. Genauere Infos hier: https://perspective-daily.de/kj.html

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