Frühling im Park

Audio-Filter: Wie man Vögel von Autos unterscheidet

Wer Naturaufnahmen mit dem Mikrofon machen will, der hat in unserer lauten Welt fast immer ein Problem. In der Natur gibt es ständig Geräusche im Hintergrund: von Menschen, Industrie oder Autos, die eine Natur-Aufnahme stark stören.

In diesem Beitrag mit Hörbeispielen zeige ich, wie man Audio-Filter einsetzen kann, um Vögel von Autos zu unterscheiden – akustisch meine ich. Und ich beweise, dass man sogar das Wasser in der Leitung plätschern hören kann. Dazu verwende ich einen ungewöhnlichen Filter, der eigentlich für Musik und gar nicht für Töne oder Sprache gemacht wurde: Entropy Filter.

entropy:EQ+ erkennt laut Hersteller Klangkomponenten einer Audiospur. Foto: sonible GmbH

Entropy Filter – das Ergebnis: spektakulär

Ich nutze dafür das VST-Plug-In “entropy:EQ+ der österreichischen Audio-Schmiede Sonible in einem Einsatzbereich, mit dem vermutlich selbst die Programmierer nicht gerechnet haben. Der Filter ist eigentlich für die “Nachbearbeitung von harmonischen und geräuschhaften Klangkomponenten von Audioaufnahmen” gedacht. Da ich selten Musik editiere, aber viel mit Sprache und Originaltönen arbeite, fragte ich mich, was ich damit anfangen kann. Und das Ergebnis ist für meine Ohren – spektakulär.

Zunächst hatte ich eine Aufnahme von zwitschernden Vögeln in einem städtischen Garten. Wunderschöne Klänge an einem Frühlingsmorgen – nur leider gestört von kräftigem Verkehrslärm. Die Autobahn ist zwar mehrere hundert Meter entfernt. Aber laut genug, dass die Aufnahme praktisch unbrauchbar durch den Krach ist. Auch durch Filterung mit einem Equalizer ist da nichts zu machen. Der Krach liegt auf ähnlichen Frequenzbändern wie meine Vogelstimmen und daher bleibt der Lärm auch nach hartem Filtern präsent.

nur Krach – kein Frühlingserwachen

Meine Überlegung war nun, dass die Reifen- und Motorengeräusche der Autobahn durchaus harmonische, regelhafte Strukturen haben. Daher habe ich das Entropy Modul zweimal über die Aufnahme laufen lassen. Einmal, um die harmonischen Strukturen auszulöschen (Entropy Regel Richtung +) und ein zweites Mal (Richtung -), um die unspezifischen Restgeräusche abzumildern. Übrig bleibt ein klares Signal der verschiedenen Vogelstimmen und darunter ein leiser Geräuschteppich, den man auch noch mit einem Noise Gate auslöschen könnte (in diesem Beispiel nicht durchgeführt). Zum Vergleich am Ende noch eine klassisch per 4-Band EQ gefilterte Version.

3x Vogelzwitschern mit Autobahnlärm. Unten jeweils die Verteilung der Frequenzen (20Hz bis 20kHz) im Zeitverlauf nach Filterung.
3x Vogelzwitschern mit Autobahnlärm. Unten jeweils die Verteilung der Frequenzen (20Hz bis 20kHz) im Zeitverlauf nach Filterung.

Einschub: Psychoakustik

Übrigens: es immer wieder verblüffend, dass man diesen Lärm im Hintergrund bei der Aufnahme kaum wahrnimmt. Das Gehirn ist mit einer phantastischen Gabe ausgestattet, diese Störungen quasi live heraus zu filtern. Personal KI sozusagen. Ohne solche Fähigkeiten wären wir nicht in der Lage, bei einer Party mit schreiend lauter Musik ein Gespräch zu führen. Eine Audioaufnahme kann dies aber nicht transportieren. Das Mikrofon nimmt gnadenlos den tatsächlichen Krach gemischt mit dem Nutzsignal auf und so manche Aufnahme wird dadurch entwertet. 

Und jetzt wird es magisch…

Das zweite Objekt war dagegen banal. Ein Geräusch von Wasserpumpen in einem Gewächshaus. Sogenannte Umwälzpumpen, die das Wasser durch die Bewässerungsrohre in der Anlage fließen lassen. So etwas hat jeder in seinem Keller hängen, um das Heizungswasser zu transportieren. Maximal unspektakulär. Die Dinger machen eigentlich nur Krach, wie man im ersten Teil der Aufnahme hört. Schickt man aber den Ton durch den Entropy Filter wird es magisch – und das Ergebnis ist wirklich überraschend. Aber hört selbst, was ihr aus dem kurzen Ausschnitt erkennen könnt:

Zunächst Geräusch von Umwälzpumpen, danach gefiltert mit entropy:EQ+ (je 10 Sekunden)

Man kann nach der Filterung plötzlich das Wasser fließen hören. Das ist spektakulär, weil es mit eigenen Ohren und ohne Filterung völlig unhörbar erscheint. Man würde gar nicht vermuten, dass man das Wasser in der Leitung hören könnte.

Möglich macht dies der Entropy-Filter, der harmonische Muster erkennt. Und ich erkläre es mir so: die Pumpen haben ein sehr klares, regelmäßiges Muster, da sie im 50 Hertz Takt des Stromnetzes angetrieben werden. Diese überlagernden Störgeräusche werden damit sehr gut erkannt und beseitigt. Übrig bleibt der Ton des fließenden Wassers, von dem man nicht einmal vermuten würde, dass er hörbar ist. Ich finde das spektakulär. Hört noch mal selbst nach!

Entropy Filter: Stoff für Spionage Thriller

Ok, so ein Quatsch. Wer filtert schon Wasserpumpengeräusche und braucht ständig Töne vom Vogelzwitschern? Niemand.

Aber trotzdem bleibt Magie. Ich stelle mir vor, dass ich künftig die eine oder andere Aufnahme mit dem Filter bearbeite und wieder unerwartetes finde.
Autos machen harmonische Störgeräusche: ihre Motoren. Wer weiß, vielleicht fällt mir bei Zeiten einmal eine Aufnahme eines geheimen Gesprächs in die Hände, dass durch den Autolärm gar nicht zu hören ist. Und nach dem Filtern offenbaren sich plötzlich unglaubliche Geheimnisse. Ich sehe mich schon, wie ich demnächst zunächst mal alle Töne filtere, um zu erkennen, was ich vorher nie zu hören glaubte. Wie beim Wasser in den den Rohrleitungen…


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